GEWALTEN

 
 
 
Clemens Meyer Jürgen Bauer
+++NEU+++ Der Podcast zu »Gewalten«: siehe http://www.rinke-stiftung.org/video.html +++NEU+++

»Anders als die meisten seiner Generationskollegen zeigt er in den Geschichten nicht nur seine Erzählinstrumente vor und spielt mit ihnen herum, sondern beweist auch wie klug er ist und wie belesen in der Erzähltheorie. Er beherrscht sie. (...) Der Boxer und der Hundefreund, der Maler und der Junkie - sie leuchten hell und warm in der Dunkelheit und Kälte, in die sie gestellt sind. Das macht Clemens Meyer dann endgültig zu einem der ganz Großen (wahrscheinlich nicht nur dieser Gattung), damit erreichen seine Geschichten eine Qualität, die man in keinem Literaturinstitut der Welt lernen kann: Man wohnt Menschwerdungen bei. Größe wächst ihnen zu, den Verlierern, und Stolz und Mitleid. Da ist Meyer dann ganz nah bei Ralf Rothmann, bei Raymond Carver, ganz nah bei Denis Johnson. Und ein höheres Lob ist im Moment nicht zu vergeben.« Elmar Krekeler, Die Welt

Zum Spiegel-Interview:
http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,druck-536352,00.html


Clemens Meyer im Interview

Nach dem Debütroman „Als wir träumten“ und dem Band Stories „Die Nacht, die Lichter“ erscheint nun „Gewalten. Ein Tagebuch“. Das erstaunt auf den ersten Blick, denn in Zeiten von Blogs – und Du hattest ja selber einen Blog für die FAZ geführt – scheint das Tagebuch doch eine recht altmodische Gattung zu sein. Wie kam es zu dem Buch?

Der Blog war ein Experiment, das ich, das gebe ich auch ehrlich zu, wegen des kleinen Honorars eingegangen bin, aber natürlich war es für mich auch eine Herausforderung, es war das erste Mal, das ich das Medium Internet auf diese Weise nutzte, denn eigentlich bin ich ein fast fanatischer Jünger des Gedruckten. Ich denke aber, in dem Blog „der Meyer – die Kunst und das Leben“ sind einige interessante, experimentelle Texte entstanden, in denen der Einfluss von außerhalb, Medien, Literatur, Filme, Gedichte, Gesprächsfetzen, Wortspiele, Sportereignisse immens wichtig war, teilweise direkt in den Text floss.
Die Idee des Tagebuchs entstand in der Mitte des Jahres 2008. Die Rinke-Stiftung aus Hamburg verlieh mir für 2009 ein Stipendium, das mit der Aufgabe verbunden war, ein „Tagewerk“ 2009 zu verfassen. Anfangs dachte ich: O.k., nimm das Geld und schaff ein kleines, wenig Kraft- und Zeitaufwändiges Nebenbuch. Aber dann passierte etwas, das mir schon den Blog zur absoluten Schwerstarbeit machte und dann auch zum Verrinnen brachte: Ich hatte die Chance bekommen, literarisch etwas Neues auszuprobieren. Mein Jahr 2009 begann mit einem einschneidenden Erlebnis, das sich mir regelrecht aufzwang und forderte, es zu Literatur zu machen. Das habe ich dann in langer und harter Arbeit versucht, und dieses erste Kapitel, das auch Prolog ist im Prinzip, gibt dann das Programm vor. 2009 mit all seinen Gewalten, dem Irrsinn, den Abgründen, aber auch den lichten Momenten. Aber das alles nicht in einem herkömmlichen realistischen Tagebuchstil, sondern verfremdet, surrealistisch, expressionistisch, manchmal Komödie, oft Tragödie, aber immer ganz nah dran an den Brüchen und mit aller literarischer Kraft.

2009 war das Jahr der Finanzkrise und des Mauerfall-Jubiläums. Ist dieses Jahr für Dich gleichfalls ein herausragendes gewesen, oder hätte ein solches Tagebuch in jedem Jahr entstehen können?

Ohne dieses kurze Erlebnis in einer geschlossenen Anstalt zum Jahreswechsel 2008/2009 hätte ich das Jahr 2009 vielleicht anders gesehen. Und ohne diese Aufgabe des „Tagewerkes“ hätte ich die Brüche vielleicht nicht mit dieser Intensität wahrgenommen und literarisch ausgelotet. Unabhängig davon bot dieses Jahr 2009 auch jede Menge Rohstoff, jede Menge „dunkle Materie“. Amokläufe, stürzende Finanzimperien, der Tod eines engen Freundes, der Tod meines alten Hundes, Bundestagswahl mit schwarzgelber Übernahme… Diese Mischung aus Privatem und Öffentlichen ist es vielleicht.


Die Themen der einzelnen Kapitel sind sehr unterschiedlich. Es geht um eine heillose Silvesternacht, das Schreiben eines Drehbuchs, einen Amoklauf, das Sterben eines Freundes, das Reisen, um nur einige Motive zu nennen. Sind die Texte chronologisch, quasi parallel zum Leben entstanden?


Ehrlich gesagt, weiß ich das gar nicht mehr genau. Der erste Text „Gewalten“ entstand auch als erstes, wie es dann weiterging, weiß ich nicht mehr genau. Ich habe bis weit in den Sommer nichts gemacht, also nicht geschrieben, und nur die Ideen reifen lassen. Freunde, Kollegen, die Familie, meine Freundin sagten immer: „Du musst anfangen, du musst weiter schreiben, die Zeit wird knapp!“, aber ich lag auf meinem Kanapee und wartete auf den richtigen Moment. Monatelang. „Lasst Muße sein, lasst Muße sein, der Meister muss noch denken!“
Irgendwann, Anfang August, glaube ich, oder Mitte, hat’s mich dann gepackt, und ich bin zum Schreibtisch gesprungen und habe nicht mehr aufgehört zu arbeiten und zu überarbeiten bis zum Jahresende. Eine gewisse Chronologie gab es, aber nicht genauso, wie man sie jetzt im Buch findet.

Gehst Du, wenn Du an einem solchen Buch arbeitest, mit anderen Augen durch die Welt? Denkst Du in dem Moment, in dem Du etwas erlebst, oft schon an das Schreiben?

Teilweise ja. Ich bin nach Magdeburg gefahren, um etwas darüber zu schreiben. Ich bin in Hannover ins Kasino gegangen, um etwas darüber zu schreiben. Das ist ein Ausloten jeder Minute, auch jedes Meters. Eine neue Erfahrung für mich. Teilweise quälend, wie bei der Beschäftigung mit dem Fall M. Camus sagt: „Der Künstler will nichts anderes als der Wirklichkeit eine veränderte Gestalt geben…“
Die Abstände zwischen Erleben, Verändern und Schreiben wurden um Längen kürzer als bisher. Und ich musste mich öffnen, Dinge sehr nah an mich ranlassen, andere, die ich in mir trug, rauslassen. Es war eine große Bewegung, in alle magnetischen Richtungen… Klingt schräg, aber so fühlte es sich an.


Einige Kapitel sind verstörend, aufwühlend, „German Amok“, „Der Fall M“, „Im Bernstein“, andere Kapitel lesen sich sehr ruhig, fast meditativ wie „Die Stadt M“ oder „In den Strömen“. Entspricht die Lektüre auch der Erfahrung des Schreibens?

Manchmal bedingte das Sujet den Stil, manchmal umgedreht – obwohl, nee, das ging bei diesem Buch nicht, aber bei manchen Kapiteln vielleicht phasenweise; wenn mir zum Beispiel etwas die Luft ausging, habe ich eben einen kleinen Bogen geschlagen, eine „Ruhephase“ eingelegt, etwas „retardiert“. Auch „Im Bernstein“ kommen ruhige und auch lustige Passagen vor, dann ziehe ich die Schrauben, und hier kann ich sogar sagen: „die Daumenschrauben“, da es um Folter geht, wieder ordentlich an.
Meine Schreiberfahrungen bei „Gewalten. Ein Tagebuch“ würde ich mal etwas plakativ so zusammenfassen: „Meditation und Ekstase“. Vor allem aber hat es mich soviel Kraft gekostet wie keins meiner Bücher zuvor.


Das Kapitel „Undercover und der Kopf“ hat politische Anklänge, wirft einen kritischen Blick auf den Zustand unserer deutschen Landschaften, der Erzähler streift durch Straßen, in denen sich Billigläden und Erotikshops aneinanderreihen, und endet in einer leeren Fabrikhalle, in der Zahlenkolonnen vor seinem Auge herunterrasen. Ist das die Metapher für unsere Gegenwart?

Vielleicht eine etwas überspitzte Metapher. Unterschicht meets Wirtschaftskrise, könnte man provozierend sagen. Es ist ein Ausloten des Zustandes, der abgeschlagene Kopf greift gleichzeitig biblische und „griechisch/antike“ Themen auf, Gegenwart und Vergangenheit bilden einen Kreislauf, es ist eine herzergreifende Reise ans Ende der Finsternis, um mal spaßeshalber Joseph Conrad und Céline zusammenzuführen.
Aber bei aller metaphorischer Realitätsauslotung, bei allen Bezügen: Es soll Spaß machen, es soll etwas auslösen beim Leser, ihn auf rasante Art und Weise herausfordern und unterhalten. Das sind große Ziele, mal sehen ob’s funktioniert.

Für die Covergestaltung wurde das Bild „AUA“ des Leipziger Malers Paule Hammer verwendet. In der Erzählung „Das kurze und glückliche Leben des Johannes Vettermann“ („Die Nacht, die Lichter“) stehen das Leben und Schaffen und das Delirium eines Malers im Mittelpunkt und auch in „Gewalten“ spielt ein befreundeter Maler eine Rolle. Inwiefern sind Malerei für den Schriftsteller Clemens Meyer und seine Literatur wichtig?

Sind wichtig. Punkt. Ende.
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»Ein bewegendes Buch ... das Monument einer Jugend ... ein Stück Zauberei.«
528 Seiten
Broschur
Preis € 9,95
ISBN: 978-3-596-17305-1

Sie träumen vom Aufstieg ihrer Fußballmannschaft, von einer richtigen Liebe und davon, dass irgendwo ein besseres Leben wartet. Rico, Mark, Paul und Daniel wachsen auf im Leipzig der Nachwendejahre, in einem Viertel, dessen Mittelpunkt die Brauerei ist. Jede Nacht ziehen sie durch die Straßen. Sie feiern, sie randalieren, sie fliehen vor den Glatzen, ihren Eltern und der Zukunft. Sie kämpfen mit Fäusten um Anerkennung und schlagen die Zeit tot. Sie saufen, sie klauen, sind cool und fertig und träumen vom eigenen Leben. Alle ihre Fluchtversuche enden auf den Fluren des Polizeireviers Südost.
Leidenschaftlich, wild und mutig verspielen sie ihr Leben in einer aussichtslosen Rebellion. Darum lassen einen die Bilder des nächtlichen Leipzig, die Boxkämpfe, die Hoffnungslosigkeit und die Hoffnung dieses Romans nicht mehr los.

»Selbstverständlich ist Meyer viel zu jung. Aber so ist das mit guten Schriftstellern. Sie tauchen plötzlich auf und die ergrauten Kollegen kratzen sich am Kopf: Wieso kann der eigentlich schon so viel?«
»Ein bewegendes Buch ... das Monument einer Jugend ... ein Stück Zauberei.«
Sten Nadolny



Die Braut, die ihm nicht traut
464 Seiten
Broschur
Preis € 9,95
ISBN: 978-3-596-17249-8

»Mein Hochzeitskleid habe ich irgendwo in North Dakota in einen Baum gehängt.« Gerade noch geschafft: Kurz vor ihrer Hochzeit wird Julia Bennett klar, was ihr Zukünftiger für ein Schwein ist. Am Morgen der Feier ergreift sie die Flucht und macht sich auf den Weg zu ihrer Tante Lydia in Oregon. Im Kreise der Familie gilt diese als verrückt – für Julia ein Beweis dafür, dass sie die einzig Vernünftige der Sippe ist. Tante Lydias Haus...

Zu diesem Buch

"Die Nacht, die Lichter" im Theater und als Hörbuch
"Die Nacht, die Lichter" am Schauspiel Leipzig
Premiere: 25. März.
mit Anna Blomeier, Martin Brauer, Artemis Chalkidou, Edgar Eckert, Manuel Harder, Andreas Keller, Hagen Oechel
Regie: Sascha Hawemann
Bühne: Wolf Gutjahr
Kostüme: Hildegard Altmeyer
Licht: Carsten Rüger
Dramaturgie: Johannes Kirsten

http://www.centraltheater-leipzig.de/centraltheater/programm/centraltheater/inszenierung/aktuell/die_nacht_die_lichter/


"Die Nacht, die Lichter" als HÖRBUCH
mit Michael Hansonis
Redaktion: Ruthard Stäblein
Verlag: Der Audio Verlag
Ton und Schnitt: Helmut Becker
Regie: Marlene Breuer
http://www.der-audio-verlag.de
Preis € (D) 16,95
Preis € (A) 17,50
Preis SFR 25,90 (UVP)
224 Seiten, gebunden
ISBN 978-3-10-048603-5
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